Overlays sind keine Lösung: warum ein Widget Ihren Shop nicht barrierefrei macht
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Barrierefreiheits-Overlays versprechen, eine Website mit einer Zeile Code zugänglich zu machen. Das gelingt nicht, weil die meisten Barrieren im Quellcode und in den Inhalten stecken – und ein Overlay beides nicht dauerhaft korrigiert. In den USA musste ein bekannter Anbieter 2025 nach einem Verfahren der Handelsbehörde FTC eine Million US-Dollar zahlen. Wer das BFSG ernst nimmt, behebt Fehler dort, wo sie entstehen.
Was ein Overlay ist
Ein Overlay ist ein JavaScript, das Sie in Ihren Shop einbinden. Es blendet meist ein Symbol ein, hinter dem sich eine Leiste mit Funktionen verbirgt: Schrift vergrößern, Kontrast erhöhen, Animationen stoppen, Text vorlesen, Links hervorheben. Manche Overlays versuchen zusätzlich, im Hintergrund fehlende Attribute zu ergänzen, etwa Alternativtexte per Bilderkennung oder Beschriftungen für Formularfelder.
Seit dem Stichtag des European Accessibility Act im Juni 2025 werden solche Produkte auch in Deutschland verstärkt beworben – oft mit dem Hinweis auf das BFSG.
Fünf Gründe, warum das nicht reicht
1. Die Barrieren bleiben im Code
Ein Menü, das sich nur mit der Maus öffnen lässt, ein Bezahl-Button ohne Namen, eine Kasse, in der der Tastaturfokus verschwindet: Das sind Eigenschaften Ihres Themes und Ihrer Plugins. Ein Skript, das nachträglich darüber läuft, kann manches überdecken, aber nicht verlässlich reparieren – und nach jedem Update kann es wieder anders aussehen.
2. Raten ist keine Beschriftung
Ob ein Feld die Hausnummer oder den Adresszusatz erwartet, weiß Ihr Entwickler. Ein Skript kann es nur vermuten. Automatisch erzeugte Bildbeschreibungen nennen, was zu sehen ist („Frau in blauer Jacke“), aber nicht, was wichtig ist („Regenjacke in Marineblau, Modell Alpin“).
3. Hilfsmittel sind bereits eingerichtet
Menschen, die einen Screenreader, eine Vergrößerungssoftware oder spezielle Kontrasteinstellungen nutzen, haben diese im Betriebssystem oder Browser eingerichtet – für alle Websites. Eine zusätzliche Leiste, die auf jeder Website anders aussieht, bringt ihnen wenig. In manchen Fällen kollidiert sie mit ihren Hilfsmitteln. Viele Menschen mit Behinderung und Fachleute für Barrierefreiheit kritisieren Overlays seit Jahren öffentlich.
4. Die Informationspflicht bleibt
Nach § 14 BFSG müssen Sie beschreiben, wie Ihre Dienstleistung die Anforderungen erfüllt. „Wir haben ein Widget eingebunden“ beantwortet diese Frage nicht. Wie eine sinnvolle Erklärung aussieht, zeigt unser Beitrag Barrierefreiheitserklärung: Inhalt und Fehler.
5. Die Erfahrungen in den USA
Die US-Handelsbehörde FTC ist gegen den Overlay-Anbieter accessiBe vorgegangen. Mit der abschließenden Entscheidung vom 22. April 2025 musste das Unternehmen eine Million US-Dollar zahlen und darf nicht mehr behaupten, sein automatisiertes Produkt könne Websites mit den WCAG in Einklang bringen. Quelle: Federal Trade Commission.
Gleichzeitig werden in den USA regelmäßig Klagen wegen fehlender Barrierefreiheit gegen Websites erhoben, auf denen ein Overlay installiert ist. Der Jahresbericht 2025 des Anbieters UsableNet zählt zwischen 85 und 132 solcher Klagen pro Monat. Die Rechtslage in den USA ist eine andere als in Deutschland, aber die Lehre ist übertragbar: Ein Overlay ersetzt keine tatsächliche Barrierefreiheit.
Warum Overlays trotzdem verkauft werden
Weil sie ein echtes Bedürfnis ansprechen: Shop-Betreiber wollen eine schnelle, planbare Lösung, ohne ihr Theme anzufassen. Das ist verständlich. Die ehrliche Antwort lautet aber: Eine schnelle Einordnung und ein klarer Plan sind möglich – die Behebung selbst braucht Arbeit im Code. Die gute Nachricht: Viele Fehler stecken in wenigen Templates. Ein korrigiertes Produkt-Template wirkt auf tausenden Produktseiten.
Was stattdessen hilft
- Prüfen, ob das BFSG Sie betrifft. Nicht jeder Shop fällt darunter – Kleinstunternehmen sind ausgenommen. Siehe Wer ist betroffen?.
- Fehler sichtbar machen. Eine automatisierte Prüfung nach WCAG 2.2 AA zeigt die technisch erkennbaren Probleme mit Selektor und Screenshot.
- Nach Wirkung priorisieren. Kasse, Formulare, Navigation zuerst.
- Im Theme und in Inhalten beheben. Mit Anleitungen für Ihre Plattform – Shopify, WooCommerce, PrestaShop oder Shoptet.
- Manuell nachtesten. Tastatur und Screenreader für die Kernabläufe. Wie sich automatische und manuelle Prüfung ergänzen, erklärt unser Beitrag automatisch oder manuell prüfen.
- Dranbleiben. Regelmäßig erneut prüfen, damit Updates keine neuen Barrieren einführen.
Woran Sie seriöse Angebote erkennen
Nicht jedes Werkzeug mit einer Bedienleiste ist unseriös, und nicht jeder Scanner ist automatisch gut. Ein paar Fragen helfen bei der Einordnung:
- Sagt der Anbieter klar, was automatisiert geprüft wird und was nicht? Seriöse Angebote nennen die Grenzen der Automatik.
- Werden Fehler im Code benannt, mit Selektor und Anleitung zur Behebung – oder nur „überdeckt“?
- Verspricht der Anbieter, dass Sie rechtlich auf der sicheren Seite sind oder keine Abmahnungen mehr bekommen? Das kann niemand seriös zusagen.
- Passt das Angebot zu Ihrer Plattform? Hinweise für Shopify, WooCommerce oder Shoptet sparen Ihrem Team Zeit; allgemeine Ratschläge ohne Bezug zum eigenen Theme helfen weniger.
- Wird der Hinweis „kein Audit, keine Rechtsberatung“ gegeben?
- Gibt es einen Verlauf, der zeigt, dass Fehler tatsächlich verschwinden?
Und wenn das Overlay schon installiert ist?
Entfernen Sie es nicht überstürzt, aber verlassen Sie sich nicht darauf. Prüfen Sie Ihren Shop einmal mit deaktiviertem Overlay, um zu sehen, wo die eigentlichen Probleme liegen. Testen Sie danach mit aktiviertem Overlay, ob es mit Tastatur und Screenreader Konflikte gibt. Beheben Sie die Fehler im Code, und entscheiden Sie dann, ob Sie das Widget noch brauchen. Entfernen Sie in jedem Fall Aussagen wie „durch unser Widget vollständig barrierefrei“ aus Ihrer Barrierefreiheitserklärung.
Ein Wort zu Agenturen
Wenn Sie als Agentur Shops betreuen, fragen Kunden oft nach einer „schnellen Lösung“. Ein Overlay wirkt dann verlockend, weil es sich in Minuten einbauen lässt. Langfristig ist ein ehrlicher Bericht mit Prioritäten das bessere Gespräch: Ihr Kunde sieht, was zu tun ist, und Sie können die Behebung als Projekt anbieten.
Wie wir das sehen
Wir bieten bewusst kein Overlay an. Unser Dienst ist eine automatisierte Prüfung nach WCAG 2.2 AA mit verständlichen Erklärungen und wöchentlichem Monitoring – kein vollständiges Audit und keine Rechtsberatung, aber ein ehrlicher Ausgangspunkt. Unsere Position fasst auch die Seite Overlays und Widgets zusammen.