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Pandus

Barrierefreiheit der Website prüfen: automatisch vs. manuell

· Lesezeit: 5 Min.

Automatische Prüfungen finden schnell und zuverlässig technische Fehler wie fehlende Alternativtexte, zu geringe Kontraste oder Formularfelder ohne Beschriftung. Ob eine Website aber tatsächlich mit Tastatur und Screenreader bedienbar ist, können nur Menschen beurteilen. Die beste Strategie ist eine Kombination: automatisch regelmäßig und flächendeckend, manuell gezielt für die wichtigsten Abläufe.

Wie automatische Prüfungen funktionieren

Ein automatischer Test lädt eine Seite im Browser und wendet Regeln auf den Code an. Eine verbreitete offene Prüfbibliothek ist axe-core; sie bringt in Version 4.14 über 100 Regeln mit, etwa zwei Drittel davon mit Bezug zu WCAG-Kriterien der Stufen A und AA. Typische Regeln lauten:

  • Hat jedes Bild ein alt-Attribut?
  • Hat jedes Formularfeld eine zugeordnete Beschriftung?
  • Erreicht der Text genügend Kontrast zum Hintergrund?
  • Hat jede Schaltfläche einen zugänglichen Namen?
  • Ist die Sprache der Seite angegeben?
  • Sind ARIA-Attribute gültig?

Solche Regeln lassen sich eindeutig prüfen: Das Attribut ist da oder nicht, der Kontrast liegt über 4,5:1 oder darunter.

Was automatische Prüfungen gut können

  • Breite. Hunderte Seiten in kurzer Zeit, ohne Ermüdung.
  • Wiederholbarkeit. Dieselbe Prüfung jede Woche, mit vergleichbaren Ergebnissen.
  • Früherkennung. Neue Fehler nach einem Update fallen sofort auf.
  • Kosten. Pro Seite deutlich günstiger als jede manuelle Prüfung.
  • Nachweis. Ein Verlauf zeigt, dass Sie kontinuierlich an der Barrierefreiheit arbeiten.

Wo automatische Prüfungen an Grenzen stoßen

Automatische Tests erfassen nur einen Teil möglicher Barrieren; Schätzungen reichen von etwa einem Drittel bis zur Hälfte. Typische Lücken:

Frage Warum die Automatik sie nicht beantworten kann
Beschreibt der Alternativtext das Bild sinnvoll? „IMG_4711.jpg“ ist formal ein Alternativtext – aber nutzlos.
Ist die Tab-Reihenfolge logisch? Die Automatik sieht den Code, nicht den Weg durch die Seite.
Ist der Fokus im Ablauf immer sichtbar? Abhängig von Zuständen, Animationen, Overlays.
Lässt sich die Kasse vollständig per Tastatur abschließen? Erfordert echte Interaktion über mehrere Schritte.
Sind Fehlermeldungen verständlich? Eine Frage der Sprache, nicht der Syntax.
Wird „In den Warenkorb gelegt“ vom Screenreader angesagt? Erfordert einen Test mit Hilfsmittel.
Verdeckt das Cookie-Banner den fokussierten Button? Hängt von Layout und Bildschirmgröße ab.

Hinzu kommen Fehlalarme in Grenzfällen, etwa bei Text über Bildern oder Verläufen, wo der Kontrast schwer zu berechnen ist.

Deshalb gilt: Eine automatisierte Prüfung ist kein vollständiges Audit. Wer anderes verspricht, verspricht zu viel.

Wie eine manuelle Prüfung aussieht

Eine manuelle Prüfung folgt den WCAG-Erfolgskriterien und testet mit echten Hilfsmitteln:

  1. Tastatur: Die Seite nur mit Tab, Umschalt+Tab, Enter, Leertaste, Pfeiltasten und Escape bedienen.
  2. Fokus: Ist immer erkennbar, wo man sich befindet? Wird der Fokus nicht von Sticky Headern oder Bannern verdeckt?
  3. Zoom und Reflow: 200 % Vergrößerung, schmale Bildschirmbreite, kein horizontales Scrollen.
  4. Screenreader: Mit NVDA unter Windows oder VoiceOver auf Mac und iPhone den Hauptablauf durchgehen.
  5. Inhalte: Alternativtexte, Linktexte, Überschriften und Fehlermeldungen inhaltlich bewerten.
  6. Multimedia: Untertitel, Audiodeskription, Steuerung von Videos und Slidern.

Als Methode für eine strukturierte Prüfung eignet sich die Evaluationsmethode WCAG-EM des W3C. Ein vollständiges Audit ordnet alle Ergebnisse den Erfolgskriterien zu und braucht je nach Umfang Tage, nicht Minuten.

Ein Beispiel aus dem Shop-Alltag

Nehmen wir das Feld „Gutscheincode“ in der Kasse. Die automatische Prüfung meldet: Das Eingabefeld hat keine zugeordnete Beschriftung, nur einen Platzhaltertext. Das ist ein klarer, technisch erkennbarer Fehler – schnell gefunden, schnell behoben. Ob aber die Fehlermeldung „Code ungültig“ nach dem Absenden auch von einem Screenreader angesagt wird und ob der Fokus danach an einer sinnvollen Stelle steht, zeigt erst ein manueller Test. Beide Prüfungen ergänzen sich: Die Automatik findet den Fehler auf allen Seiten, der Mensch prüft den Ablauf.

Der Vergleich auf einen Blick

Automatisch Manuell
Geschwindigkeit Minuten für viele Seiten Stunden bis Tage
Abdeckung der Kriterien Teil der Kriterien alle Kriterien
Wiederholung beliebig oft, z. B. wöchentlich punktuell
Bewertet Qualität von Inhalten nein ja
Testet echte Abläufe eingeschränkt ja
Kosten pro Seite gering höher

Die sinnvolle Kombination für Online-Shops

  1. Automatisch und regelmäßig. Alle wichtigen Seitentypen wöchentlich prüfen. So bleiben die technisch erkennbaren Fehler unter Kontrolle, und neue Fehler fallen sofort auf.
  2. Manuell für die Kernabläufe. Suche, Produktauswahl, Warenkorb, Kasse, Registrierung – nach jedem größeren Update und mindestens einmal im Jahr.
  3. Manuell bei neuen Komponenten. Ein neuer Filter, ein neues Checkout-Plugin, ein neues Cookie-Banner verdienen einen kurzen Tastatur- und Screenreader-Test vor dem Livegang.
  4. Feedback einbeziehen. Rückmeldungen von Kundinnen und Kunden zu Barrieren sind wertvoller als jede Regel.

Eine Liste der Kriterien mit dem Hinweis, was automatisch erkennbar ist und was nicht, finden Sie in unserer WCAG-2.2-Checkliste.

Warum Overlays keine dritte Option sind

Manchmal wird ein Widget als „automatische Lösung“ angeboten. Ein Overlay prüft aber nicht und behebt auch nicht im Code; es legt eine Schicht darüber. Die US-Handelsbehörde FTC hat 2025 gegen einen bekannten Anbieter eine Zahlung von einer Million US-Dollar und ein Verbot bestimmter Werbeaussagen durchgesetzt. Mehr in unserem Beitrag Overlays sind keine Lösung.

Was das für Ihre Pflichten bedeutet

Für Shops, die unter das BFSG fallen, gilt: Die Anforderungen beziehen sich auf die tatsächliche Barrierefreiheit, nicht auf ein bestimmtes Prüfverfahren. Eine regelmäßige automatisierte Prüfung ist ein guter, belegbarer Baustein. Für die Barrierefreiheitserklärung nach § 14 BFSG brauchen Sie zusätzlich eine Beschreibung Ihrer Dienstleistung – das kann kein Scanner liefern. Den Rahmen erklärt der BFSG-Leitfaden.

Wie wir prüfen

Wir prüfen automatisiert nach WCAG 2.2 AA mit axe-core in einem echten Browser, erklären jedes Ergebnis mit einer Regelkarte und zeigen den Verlauf von Woche zu Woche. In jedem Bericht steht: automatisierte Prüfung, kein vollständiges Audit, keine Rechtsberatung. Wie das im Detail abläuft, lesen Sie unter So funktioniert es. Probieren Sie es mit einer Seite Ihres Shops aus.